Fotos: Silke Hartenstein

Bericht in der Badischen Zeitung vom 6. Juni 2011 – Mundarttage 2011

"Mitten im Herzen von Alemannien"

Mit zwei alemannischen Nächten zeigten die zweiten Mundarttage in Bad Bellingen die vielfältigen Facetten des Dreiländer-Dialekts.

BAD BELLINGEN. Bad Bellingen liegt inmitten des alemannischen Sprachraums oder, mit den Worten von Cornelia Ebinger-Zöld, "mitten im Herzen von Alemannien". Unter ihrer Federführung drehte sich in Bad Bellingen über die Landesgrenzen hinweg von Freitag bis Sonntag alles um die alemannische Mundart mit ihren vielen Facetten. Mit zahlreichen Veranstaltungen von Künstlern aus Baden, der Schweiz und dem Elsass waren auch bei den zweiten Mundarttagen in der Rheinstraße die vielfältigen Varianten des Alemannischen vertreten.

Das Trio Stefan Rheidt, Raimund Sesterhenn und Stefan Pflaum (von links) und seine alemannischen Wortspielereien Foto: Silke Hartenstein

Dass Mundart weit über ihr gemütliches Image hinaus ein modernes und hervorragend geeignetes Ausdrucksmittel ist und sich nebenbei bestens für rhythmischen Rap eignet, bewies die erste der beiden Alemannischen Nächte. Im behaglich-geschichtsträchtigen Ambiente des Schlosskellers überzeugte das Trio Stefan Pflaum (Sprechgesang, Gesang, Akkordeon), Raimund Sesterhenn (Saxofon, Violine, Mandoline) und Stefan Rheidt (Kontrabass) mit einer aber-witzigen Mischung aus Wortakrobatik, tiefsinnigen, ohne überflüssige Worte auf den Punkt gebrachten Betrachtungen und swingenden Musikeinlagen. Die Texte stammen von Pflaum, die Musik von Sesterhenn und Pflaum. Beide arbeiten beziehungsweise arbeiteten am Freiburger Sprachenkolleg für ausländische Studierende. Der jahrelange Kontakt mit Sicht- und Verhaltensweisen von Menschen aus aller Welt hat Pflaums Blick auf die eigene Muttersprache und ihre künstlerischen Möglichkeiten offensichtlich geweitet und geschärft. Viele seiner kurzen, knackigen Geschichten und Gedichte erinnerten an dadaistische Wortspielereien. Erst wenn man genau hinhörte, erfasste man den Sinn seiner, gern auf die Verwendung von ein bis zwei Vokalen reduzierten rasant-rhythmischen Sprechgesänge: "Welle Teller henner welle?" Mal solo, mal im Duett, mal zu dritt interpretiert, entwickelten Pflaums Texte eine enorme Dynamik. Heiter-hintergründige Betrachtungen, mit einem liebevollen Augenzwinkern präsentiert, gehörten dazu, darunter Naheliegendes zum Thema Dorffest – "bim Dorfhock hocken Alli" – und Politisches zum Luftkurort "Fessene" (Fessenheim): "Nachts luegt de Reaktor über de Rhy ins dütsche Schloofzimmer ni".
Auch der "schwarzen Mundart", gab Pflaum ihren Raum bei der grausigen Geschichte vom erschlagenen Kind, das unterm Kirschbaum vergraben liegt: "De Chriesebaum het de schönschti Blueschd sit Johre, hän ’d Nochbore gsait." Der Verwirrung, die einen Migranten mit deutschen Sprachkenntnissen angesichts des Alemannischen überkommen kann, widmete Pflaum einen humorvoll-einfühlsamen Text. Ebenso komplex und eingängig wie die Texte waren die eingestreuten kurzen Musikstücke: Swing, Gitanojazz, Klezmer und Tango Nuevo, sauber, sensibel und punktgenau interpretiert.
Als Freiburger kommt man an der Esoterik-Szene kaum vorbei. Pflaums lässige Lästereien vom "gemeinsamen Fußatmen mit anschließendem Heilhüpfen" kamen bestens an beim Publikum, das angesichts der Qualität des Programms gern zahlreicher hätte sein dürfen.

 Kämpfer für den Erhalt der elsässischen Mundart

bereicherte ebenso wie Jean Paul Distel (links) und der elsässische Liedermacher René Egles die Mundarttage. Foto: Silke Hartenstein Bei der zweiten Alemannischen Nacht am Samstag mit dem elsässischen Liedermacher René Egles und Jean Paul Distel (Gitarre und Dobro) und ihrem Programm "Dü mini Gitarr" war der Schlosskeller voll besetzt. Hier nahm Egles, musikalisch hervorragend unterstützt durch Jean Paul Distels virtuoses Gitarrenspiel, das Publikum mit in seine Heimat mit einer Muttersprache, die zu verschwinden droht. Der Kinderbuchautor, Musiker und vielfache Preisträger ist ein erklärter Kämpfer für den Erhalt der elsässischen Mundart. Eine Übersetzung seiner Liedtexte für das Publikum aus dem Dreyeckland erübrigte sich – die Unterschiede zwischen dem Alemannischen diesseits und jenseits des Rheins sind minimal.

Egles agierte auch als talentierter Erzähler, der mit seinen Anekdoten und Betrachtungen rasch die Verbindung zu seinen Zuhörern schuf. Überhaupt versteht er es, mit Worten zu malen: Beim Dolce- Far-Niente-Lied "Summertime in Pfulgriesheim" konnte man die ländliche Idylle beinahe sehen, riechen und schmecken. Einfühlsam widmete er sich sämtlichen Aspekten des Lebens, rührte das Publikum mit seinem warmherzigen Lied "d’ Händ vo de Mamme", dem Folksong von der Einsamkeit der Obdachlosen und sensiblen Betrachtungen über die Schönheit der Natur und das gelassene Wandeln auf dem eigenen "Kleinen Pfädel". Zwischen die stillen Töne mischte das Duo muntere Songs und Tanzlieder. So vielseitig wie Egles Instrumentarium, das von der Gitarre über Händörgeli, Zither und Kalimba reichte, waren auch die Musikstile der Interpreten: Folk, Bluegrass, keltische Musik, ein bisschen Jazz und auch eine freche Parodie auf die "volkstümliche Dingsbumsmusik" zur Konservenmusik der "Flammenkucher Spatzen".

Immer wieder ging es weit über die Grenzen des Elsass hinaus. Den Palästinensern im Gazastreifen widmete sich das Duo ebenso wie Hannes Waders hochdeutschen Liedern und den verschwindenden Sprachen Jiddisch und dem in Lousiana noch gesprochenen Cajun. Hier schuf Distel mit seiner Bottleneck-Dobro eine entspannt-swingende Südstaatenatmosphäre. Leidenschaftlich rief Egles auf zur Toleranz zwischen Menschen verschiedener Nationen und Sprachen: "Mir olli sin andersch, mir olli sin gliech." Das Publikum bedankte sich mit großem Beifall für eine schöne, lange alemannische Nacht.  

ERÖFFNUNG

"Eine einmalige Veranstaltung"

 

BAD BELLINGEN. Mit Lesungen, Kabarett, Ausstellungen, Musik und Gesang stand die Rheinstraße am Wochenende drei Tage lang im Zeichen der Mundart und der Kunst. "Es ist eine einmalige Veranstaltung, die wir im Ort haben", fand Bürgermeister Christoph Hoffmann bei der Eröffnung am vergangenen Freitag und bedankte sich herzlich beim Team der Organisatoren und Helfer, insbesondere bei Cornelia Ebinger-Zöld und Barbara Wartenberg (siehe Foto), für das "unwahrscheinlich vielfältige Programm". 

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